Warum die Arbeiten von Andrea Wolfensberger uns alle etwas angehen

Andrea Wolfensberger, Worpsweder Trilogie: Klimaproxy, Flugzeugsperrholz, 80 x 90 x 90 cm, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

Torfhocke, Sphagnum, Klimaproxy lauten die Titel der drei Arbeiten von Andrea Wolfensberger, die im Innen- und Außenraum der Großen Kunstschau zu finden sind. Eine Schale mit Moos, eine Wand aus Torf und ein Tisch? Was hat es mit dieser Worpsweder Trilogie auf sich? Die Arbeiten sind eine Hommage der Künstlerin an das Teufelsmoor, das die Landschaft und die Menschen dieser Gegend zutiefst geprägt hat. Das Jahr 2018 markiert das Ende des Torfabbaus. Die letzten Abbaugebiete werden gewässert und renaturiert. Der größte Teil der ehemaligen Moorlandschaft bleibt jedoch ungewässertes Landwirtschaftsgebiet.

MOORE: Unsere größten CO2-Speicher

Heute weiß man, dass Moore wichtige CO2-Speicher sind. Der Moorbrand in Meppen stellt aktuell eine der größten Umweltkatastrophen in der Region dar. Möglicherweise wird es Jahrzehnte dauern, bis sich der Boden wieder regeneriert. Und auch das Brutgebiet ist bedroht. Aber warum binden Moore überhaupt CO2? Organische Pflanzenmaterialien können im sauren Moorwasser nicht abgebaut werden, da Bakterien in einem derart saurem Klima nicht lebensfähig sind. Daher gelangt das in den Pflanzen gebundene CO2 auch nicht in die Atmosphäre. Ungewässerter Torf hingegen zerrottet ganz normal durch aeorobe Bakterien, wodurch das seit 8000 Jahren gebundene CO2 in die Atmosphäre gelangt.

Von Torfbauern, Soden und Hocken

Die Torfhocke  besteht aus den letzten Soden, die in dieser Gegend gestochenen wurden.  Schon die ersten Worpsweder Bauern lebten vom Torfstich – eine der härtesten körperlichen Arbeiten. Das feuchte und viel zu saure Worpsweder Land war damals nur bedingt für die Landwirtschaft geeignet. Die Menschen stachen Torf zu Soden und stapelten diese zur Trocknung zu Hocken oder Horden. Torf diente damals als Heizmaterial und wurde mit dem Torfkahn nach Bremen verschifft. Und woher kommt der Kaleidoskop-Torf? Er ist eine Leihgabe aus einem regionalen Werk. Wolfensberger musste die Soden in mühevoller Arbeit selbst zurechschneiden. Anschließend schichtete sie diese hinter der Großen Kunstschau zu einer Mauer in der Art wie früher die Soden getrocknet wurden. Die Höhe der Mauer entspricht der Tiefe wie früher der Torf gestochen wurde.

Ohne Moos nix los!

Sphagnum oder Torfmoos ist für die Versauerung des Moorwassers zuständig – der Baumeister der Moore. Sphagnum-Moos steht in Deutschland auf der sog. roten Liste der Moose und somit unter Artenschutz. Torfmoos wächst nur einen Millimeter pro Jahr und hat somit eine extrem lange Regerneartionszeit. Der »wilde« Abbau von Sphagnum ist illegal. Das von uns verkaufte Sphagnum-Moos stammt aus kontrollierten Anbaugebieten in Mitteleuropa und kann dementsprechend legal in Deutschland erworben werden. Der gezielte Anbau von Moos gestaltet sich jedoch nach wie vor schwierig. Trotz erster erfolgreicher Versuche – dieses oft als moos farming bezeichneten Anbautechnik – stammt nach wie vor praktisch alles im Handel erhältliche Moos aus natürlichen Moorgebieten. Dies führte in der Vergangenheit oftmals zu Raubbau, der die natürlichen Moosgebiete gefährdete. Glücklicherweise setzt sich in den letzten Jahren die Einsicht durch, Moos nur in kontrollierten Gebieten und bestimmten Mengen abzubauen, um den Fortbestand der Moorareale nicht zu gefährden.

Die NASA macht´s möglich

Was auf den ersten Blick an einen Tisch erinnert, ist in Wirklichkeit ein Klimadiagramm der NASA, das anhand von Eisbohrkernen erstellt wurde und Wolfensberger in ein dreidimensionales Modell umgesetzt hat. Die Höhe der Arbeit Klimaproxy entspricht der Zeit. Eine Schicht Sperrholz (3mm) steht für 2.000 Jahre, die gesamte Höhe umfasst rund 400.000 Jahre. Die Breiten einer jeden Scheibe aus Flugzeugserrholz entsprechen der CO2-Menge in der Atmosphäre. Man erkennt eine klare Regelmässigkeit von Zu- und Abnahme. Auffällig und zugleich beängstigend ist die oberste Schicht:  Sie zeigt die Zunahme des CO2- Gehaltes seit 1950.

[Ein Beitrag von Gesa Jürß]

Andrea Wolfensberger, Worpsweder Trilogie: Torfhocke, Torfsoden, 225 x 610 x 75 cm, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Andrea Wolfensberger, Worpsweder Trilogie: Sphagnum, Torfmoos, Weisszement, 9 x 49 x 49 cm , Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

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