Vom Entwurf zum Werk

Sprechen und schreiben wir über »Kaleidoskop Worpswede«, lässt sich immer wieder ein wichtiger Aspekt finden. Die Ausstellung möchte Perspektiven verschieben und das Gestern und Heute zu einem möglichen Morgen befragen. Genau darum geht es uns in diesem Beitrag. Manchmal denkt und plant man und bereitet vor… und dann kommen die schönsten Momente ganz spontan zustande. Dann geht es vor allem um die Energie, die man mit den eigenen Anstrengungen freigesetzt hat. Um die Türen, die man geöffnet hat. Vielleicht für´s Erste nur einen kleinen Spalt weit. Bis dann jemand kommt und sie weit aufreißt.

Folgendes trug sich zu

Im Barkenhoff gastiert die Künstlerin Gabriela Oberkofler. Ihren feinen, kleinen Zeichnungen und aufwendigen Installationen dort haben wir bereits einen Beitrag gewidmet. An dieser Stelle soll sich alles um ihren Ausflug in das Haus im Schluh drehen. Gabriela Oberkofler fertigte 2018 während ihres Aufenthalts in Worpswede im Vorfeld von »Kaleidoskop Worpswede« diese Arbeit mit dem Titel Tränenteppich.

Gabriela Oberkofler Tränenteppich, 2018 30 x 40 cm Aquarell auf Papier Foto: © Gabriela Oberkofler
Gabriela Oberkofler, Tränenteppich, 2018, 30 x 40 cm, Aquarell auf Papier, Foto: © Gabriela Oberkofler

Nun geschah es wie folgt: Man stand kurz vor dem großen Eröffnungswochenende. Die Kunsttransporte rollten an und das Aufbauteam vertiefte sich in emsiges Treiben. Die langen Tage klangen bei einem kühlen Getränk und saftigen Burgern im Sonntag aus. Der Körper verlangte nach Ruhe, doch der Geist machte fleißig weiter, war am Kreiseln und Drehen. Man unterhielt sich, tauschte sich aus, ließ immer wieder neue Ideen auftauchen und sich entfalten. Zugegen waren Jörg van den Berg, künstlerischer Leiter von »Kaleidoskop Worpswede«, Gabriela Oberkofler und – wie das Universum es so wollte – Annette Alp, ihres Zeichens Handweberin in der Weberei im Haus im Schluh. Dort kann man sie und ihre Kolleginnen an den historischen  Webstühlen in der Eingangshalle bei der Arbeit sehen. Nicht zuletzt lebt damit das Unternehmen weiter, das Martha Vogeler hier gründete.

»Also, der Tränenteppich, wäre das nicht irre, wenn man den produzieren könnte?« Plötzlich stand sie da, diese wilde Vorstellung, mitten im Raum unter den fleißig Schaffenden. Dann flogen die Gedanken nur so durch die Luft. Doch leider, man kam nach kurzem Überlegen zu der Erkenntnis: Nein, das lasse sich nicht umsetzen. Technisch sei es nicht möglich und  bis zum Ausstellungsbeginn nicht zu vollenden. Wehmütig verabschiedete man sich von diesem Einfall.

Es folgt der Lieblingsteil von Herrn van den Berg in dieser Geschichte. Noch spät abends – die Gesellschaft hatte sich aufgelöst und alle waren nach Hause gekehrt – summte sein Mobiltelefon. An sich nichts Besonderes, das tat es ständig in diesen Tagen. Doch dieses Mal war es anders. Es war Frau Alp: sie habe eine Lösung gefunden. Darunter war ein Foto, die Aufnahme eines Webrahmens in handlichem Format mit einem ersten Entwurf.

Eine Idee wird gelebte Wirklichkeit

Das ist »Kaleidoskop Worpswede«, lebendig und wahrhaftig. Da wird aus der traditionellen Webtechnik des Gestern an seinem authentischen Ort im Haus im Schluh und dem Kunstwerk von Gabriela Oberkofler von Heute ein Teppich von Morgen. Und um das Prozesshafte der Situation noch einmal hervorzukehren, steht nun ein Webstuhl in der Ausstellungssektion »[anders] weben« im Haus im Schluh. Dort kann man Annette Alp bei der Arbeit über die Schulter schauen und sehen, wie der Tränenteppich langsam wächst. Auch der legendäre erste Entwurf auf dem Miniatur-Webrahmen ist zu sehen. Nicht zuletzt ist dies auch der Beweis für die gewaltigen Synergieeffekte, die das Künstlerdorf Worpswede hervorbringen kann, wenn alle auf ein Ziel hinarbeiten. Ein schöner Beweis für das unglaubliche Potenzial, das hier schlummert.

Die Weberin Annette Alt am Webstuhl beim Weben des Tränenteppich nach einer Zeichnung von Gabriela Oberkofler, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Die Weberin Annette Alt am Webstuhl beim Weben des Tränenteppich nach einer Zeichnung von Gabriela Oberkofler. Rechts von ihr findet sich der erste Entwurf an der Wand angebracht, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seitlich sind die »Tränen«, die Annette Alp aufwendig in den Teppich webt, deutlich zu erkennen, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
Seitlich sind die »Tränen«, die Annette Alp aufwendig in den Teppich webt, deutlich zu erkennen, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund

[Ein Beitrag von Isabell-Christin Rückert]

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