Tilo Schulz verändert die Rotunde

»Und was mache ich nun damit?« Die Besucherin steht achselzuckend, sich im Kreise drehend vor mir. Ich bin Livespeakerin am Eröffnungswochenende. Livespeakerin? Das heißt, ich halte nicht wie üblich eine Führung durch die Ausstellung, sondern bewege mich frei durch die Räume, komme mit Staunenden ins Gespräch und unterhalte mich mit Fragenden. So wie mit jener Dame in der Rotunde der Großen Kunstschau, mitten in der raumgreifenden Arbeit von Tilo Schulz. »Wie finden Sie das?«, fragt sie mich. Ich freue mich über die direkte Kommunikation, über das Denken und Fühlen, das fast spürbar den Raum zwischen uns erfüllt.

Was ist [anders]?

Die Rotunde, 1927 von Bernhard Hoetger als Teil der Großen Kunstschau erbaut, erinnert oft an einen nahezu sakralen Ort. Dort hängen sie für gewöhnlich: die großen Werke der sogenannten Alten Worpsweder. Es wird schweigend, die Hände auf dem Rücken verschränkt, der Raum durchschritten. Ehrwürdig wird hier und da innegehalten, vielleicht der Begleitung bedeutungsvoll Anmerkungen zugeraunt. »Ah, das dachte ich gleich, Hans am Ende. Hier, das kennt man ja: Vogeler.« Das Gegenüber brummt zustimmend. Man verlässt den Ort. Leise, langsam, ehrfürchtig…

Jörg van den Berg, künstlerischer Leiter von Kaleidoskop Worpswede, lud den Berliner Künstler Tilo Schulz ein, um Worpswede zu entdecken, um die Große Kunstschau zu erobern und die Rotunde zu bewegen. Was dann geschah war mutig, denn die beiden bewegten viel. Die alten Meister? Sie wanderten. Leer stand er da, der große Raum. Und was trat auf einmal hervor? Die riesige halbrunde Kuppel an der Decke. In der nackten Rotunde findet das Auge keinen Fixpunkt, der Blick verliert sich ins scheinbar Unendliche. Ein anderer Sinn musste her. Warum nicht mal die Ohren? Ohne das ehrfürchtige Schweigen im Angesicht der alten Meister tritt ein Hall, ein sonderbares Echo zu Tage und verleitet zwangsweise zu spielerischen Experimenten.

Die Leere füllt sich

So viel leerer Raum? Da muss was rein. 16 Kunststoffschichtplatten brachte Tilo Schulz mit, von der einen Seite sind Textfragmente zu lesen, auf der anderen wurde ein graphisches Muster hineingefräßt und schwarze Farbe aufgebracht. Doch die großen rechteckigen Platten sind nicht starr, nicht festgewachsen. Ihre Anordnung im Raum verändert sich im Laufe der Ausstellung. Immer dann, wenn der Künstler mit der Schauspielerin Laetitia Mazzotti nach Worpswede kommt und seine Arbeit im Rahmen einer Performance tanzen lässt. Eine erste dieser Art gab es am Eröffnungswochenende.

Sehen, hören, was fehlt noch? Riechen, womöglich. Auch der Geruch in der Rotunde hat sich verändert. Die PVC-Rollen, die Tilo Schulz im Raum verteilte, erobern ihn. Es riecht wie in einer Werkstatt oder wie in einer frisch renovierten Küche. Jedenfalls reicht es nicht nach Museum. Aber das ist mit Fotografien und Videos nun wirklich schwer zu vermitteln, kommen Sie doch einfach vorbei. Dann können Sie auch gerne selbst darüber philosophieren, wie sie die künstlerische Intervention in das Gewohnte finden. Nur so viel: mit uns selbst und anderen darüber ins Gespräch zu kommen, was das [anders] Sehen mit uns macht, das ist doch schon ein großartiger Anfang.

[Ein Beitrag von Isabell-Christin Rückert]

Ein Blick in die Rotunde der Großen Kunstschau Worpswede vor den Arbeiten zur Ausstellung »Kaleidoskop Worpswede«, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund
Ein Blick in die Rotunde der Großen Kunstschau Worpswede vor den Arbeiten zur Ausstellung »Kaleidoskop Worpswede«, Foto: © Jörg Sarbach/Worpsweder Museumsverbund

 

 

 

 

Tilo Schulz beginnt mit seiner Arbeit und als erster Schritt wird aufgeräumt. Dies ist der ungewohnte Blick in die entleerte Rotunde, die besondere Architektur von Bernhard Hoetger tritt nun stärker in den Vordergrund, Foto: © Paul Mahrt
Tilo Schulz beginnt mit seiner Arbeit und als erster Schritt wird aufgeräumt. Dies ist der ungewohnte Blick in die entleerte Rotunde, die besondere Architektur von Bernhard Hoetger tritt nun stärker in den Vordergrund, Foto: © Paul Mahrt

 

 

 

Performance von Tilo Schulz und Laetitia Mazzotti in der Rauminstallation im Flug. flüchtig (Partitur) in der Rotunde der Großen Kunstschau am Eröffnungswochenende von »Kaleidoskop Worpswede«, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
1. Performance von Tilo Schulz und Laetitia Mazzotti in der Rauminstallation im Flug. flüchtig (Partitur) in der Rotunde der Großen Kunstschau am Eröffnungswochenende von »Kaleidoskop Worpswede«, Foto: © David Hecker/Worpsweder Museumsverbund
3. Performance von Tilo Schulz und Laetitia Mazzotti in der Rotunde am 13.10.2018, Foto: © Worpsweder Museumsverbund

 

 

3. Performance von Tilo Schulz und Laetitia Mazzotti in der Rotunde am 13.10.2018, Foto: © Worpsweder Museumsverbund
Besucher der 3. Performance vor der Installation von Tilo Schulz in der Rotunde, Foto: © Worpsweder Museumsverbund

 

 

 

 

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