Ein anderer Spaziergang – die »Worpsweder Nebenwege«

Am 22. und 23. September 2018 feierte der Barkenhoff ein [anderes] Erntedankfest und lud zu einem Themenwochenende unter dem Titel »[anders] gestalten« ein. Dabei wurde gekocht, gegessen, gesprochen und gefeiert. Aus diesem Anlass waren auch die Studierenden der RWTH Aachen erneut in Worpswede zu Gast. Allerdings kamen sie nicht, um zu forschen und zu beobachten. Sie wurden aktiv und präsentierten ihre Ergebnisse in einem spannenden Spaziergang durch den Ort.

Eine Erkundung der »Worpsweder Nebenwege«

Treffpunkt ist der Dorfplatz in der Bergstraße. Von hier aus geht es zunächst über die Lindenallee zur Großen Kunstschau und auf die dahinter liegende Marcusheide. Auf dem Weg zum Barkenhoff befindet sich der erste Halt unserer Reise: der Roselius-Stein.

Der Roselius-Stein im Waldgelände zwischen Großer Kuntschau und Barkenhoff, Foto: Worpsweder Museumsverbund
Der Roselius-Stein im Waldgelände zwischen Großer Kuntschau und Barkenhoff, Foto: Worpsweder Museumsverbund

Simon Bauer, Student der Architekturtheorie an der RWTH Aachen, stellt seinen »Nebenweg« unter den Titel Dazwischen vor. Der Name ist Programm: Bauer rückt nämlich nicht zum wiederholten Male die Worpsweder Highlights in den Fokus. Er wirft seinen und unseren Blick links und rechts entlang der Verbindungen zwischen diesen Höhepunkten. Die Funde ergänzt er auf seinem Flyer um spannende Kommentare oder Perspektivwechsel. Sie bestehen aus lyrischen Zitaten, Legenden und Erzählungen. Manchmal gibt er uns aber auch Daten und Fakten an die Hand. Ziel ist es, den Blick zu verschieben und neue Wege, auch im Sehen und Denken, zu beschreiten.

Der Roselius-Stein ist dem Bremer Kaffeehandelskaufmann Ludwig Roselius gewidmet. Er war ein bedeutender Kunstförderer und Mäzenat. Obendrein schuf Roselius zusammen mit dem Worpsweder Architekten Bernhard Hoetger die Große Kunstschau und das anliegende Kaffee Worpswede. Auch die Böttcherstraße in Bremen war ein Projekt der beiden. Hier befand sich der Firmensitz des Kaffee HAG Konzerns. Passend zum Thema Kaffee liest uns Bauer das folgende Zitat der Kantate Schweiget stille, plaudert nicht von Christian Friedrich Henrici aus dem Jahr 1732 vor:

Ei! wie schmeckt der Coffee süsse,
Lieblicher als tausend Küsse,
Milder als Muskatenwein.
Coffee, Coffee muss ich haben,
Und wenn jemand mich will laben,
Ach, so schenkt mir Coffee ein!

Wir können uns dem Lobgesang nur anschließen.

Weiter geht es über Stock und Stein

Unser Weg führt uns durch die Worpsweder Wildnis. Selbst wir Ortskundigen finden immer wieder ungeahnte und ungewohnte Blicke auf bislang versteckte Orte. Lässt man zum Beispiel den Barkenhoff ganz ungeniert »links liegen«, überquert von dessen Parkplatz aus die Ostendorfer Straße und taucht gegenüber in den Ostendorfer Utdamm ein, wird man an dessen Ende mit diesem Fundstück belohnt:

Der »Melusinenteich« am Ende des Ostendorfer Utdamm, Foto: Worpsweder Museumsverbund.
Der »Melusinenteich« am Ende des Ostendorfer Utdamm, Foto: Worpsweder Museumsverbund.

Wenn man denkt, man wäre schon zu weit und habe die Zivilisation bereits hinter sich gelassen, dann liegt er plötzlich vor einem: der Melusinenteich. Zumindest könnte man ihn dafür halten. Das aufmerksame Worpswede-Publikum mag Heinrich Vogelers berühmtes Tryptichon mit der verträumten Meerjungfrau im Barkenhoff kennen. Nun hat der Supersommer 2018 den kleinen Teich rund um die grüne Insel in seinem Herzen leider verschwinden lassen. Allerdings kann man mit ein bisschen Fantasie – oder den kommenden Herbstschauern – hier entdecken, was Vogeler vielleicht vor über 100 Jahren inspiriert hat.

Und wo wir gerade dabei sind, lässt das nächste Großgewässer nicht lange auf sich warten.

Der nächste Teich wartet darauf, von den Spaziergängern entdeckt zu werden, Foto: Worpsweder Museumsverbund.
Der nächste Teich wartet darauf, von den Spaziergängern entdeckt zu werden, Foto: Worpsweder Museumsverbund.

Eine ganz ähnliche Aufnahme derselben Stelle findet sich in der Ausstellungssektion »[anders] leben« in der Worpsweder Kunsthalle. Jedoch sind auf der Aufnahme in der Ausstellung noch zwei Gartennstühle zu sehen. Einer von ihnen steht auf dem maroden Steg. Sein Konterpart findet sich im Wasser. Scheinbar hat es nun einer von Ihnen zurück an Land geschafft. Er befindet sich am linken unteren Bildrand. Ach, könnte er doch nur seine Geschichte erzählen! Den Studenten hat das Ensemble zumindest an ein altes Volkslied erinnert. In diesem versucht ein Jüngling zu seiner Liebsten zu schwimmen, ertrinkt dabei jedoch auf tragische Weise. Vielleicht handelt es sich hier um eine Neuinszenierung der Erzählung, in ihrer Hauptrolle zwei Gartenstühle?

Auf los, geht’s los

Unsere Wandertruppe ist auf jeden Fall schwer begeistert! Dabei freuen sich alle über die unverhofften Ein- und Ausblicke der Studierenden. Wer nun Feuer gefangen hat, der findet diese und viele weitere »Nebenwege« noch bis zum 4. November im Cocobello-Haus auf dem Parkplatz Bergstraße oder in der Worpsweder Kunsthalle. Sie können den Spaziergang von Simon Bauer auch gern alleine erkunden!

[Ein Beitrag von Isabell-Christin Rückert]

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